evolution des menschen

Mensch(en) werden

Die neue Anthropologie-Dauerausstellung ist dem Generalthema „Hominidenevolution“ vorbehalten und behandelt den Entstehungsprozess des Menschen bis zur Jungsteinzeit.

Zwei große Themenräume - der aufrechte Gang und die Gehirnevolution - werden in den beiden Sälen 14 und 15 abgehandelt: Ausgehend von unseren nächsten lebenden Verwandten führt der Weg über mehrere paläoanthropologische Themenblöcke zur Entstehung des kosmopolitischen, an unterschiedliche Naturräume adaptierten, modernen Menschen, Homo sapiens.

 

Die Museumsbesucherinnen und -besucher sollen die Entstehung des Menschen nicht nur als historischen, biologischen Prozess verstehen, sondern auch die kulturelle Entwicklung als bedeutende Komponente der Menschwerdung wahrnehmen.

Für die Umsetzung wurde eine modulartige Aufbereitung der Wissensinhalte gewählt, die sowohl einen spielerischen, interaktiven Zugang und wie auch die Möglichkeit zur Vertiefung in komplexere Themen ermöglicht.

 

Mit eigenen Händen

Insgesamt sechs Hands-On Stationen wurden entwickelt, damit den Besucherinnen und Besuchern, speziell auch sehschwachen oder blinden Menschen, die Etappen der Menschwerdung „begreifbar“ gemacht werden können.

 

Eines der Highlights ist der CSI-Tisch, auf dem man unter anderem TV-realitätsgetreu mittels Mikroskop, Lupe und Isotopenuntersuchung ein virtuelles Skelett auf Alter, Geschlecht und Todesursache bestimmen kann. Besucherinnen und Besucher haben die Möglichkeit, sich als Urmensch zu fotografieren und die Bilder direkt zu verschicken. Diese Morphing-Station ist ein gemeinsames Projekt mit Smithonian http://humanorigins.si.edu/

 

Es gibt Stationen, an denen man den Unterschied zwischen einem Neandertaler- und einem Homo sapiens-Schädel ertasten kann und die Fußspuren, die drei bereits aufrecht gehende Hominiden vor 3,6 Millionen Jahren in vulkanischer Asche im heutigen Tansania hinterlassen haben, sind im Boden des Naturhistorischen Museums eingelassen.

 

1978 wurden die sogenannten „Fußspuren von Laetoli“ entdeckt. Es handelt sich um die ältesten Belege des aufrechten Ganges: Die westliche Spur stammt von einem, die östliche von zwei hintereinander in der gleichen Spur gehenden Individuen. Im NHM führen sie direkt zu den lebensgroßen Rekonstruktionen von “Lucy” und einem männlichen Artgenossen eines Australopithecus afarensis. Mittles einer Augmented Reality-Station kann der Schritt vom vierbeinigen zum aufrechten Gang anschaulich nachvollzogen werden.

 

Auch den Sensationsfund der Zwillinge vom Wachtberg in Krems, einer 2005 entdeckten, 27.000 Jahre alten Doppelbestattung von Neugeborenen, können ertastet werden. Für ein besonderes Vermittlungserlebnis - speziell für Kinder - sorgt eine Öffnung im Boden, in der die Simulation eines prähistorischen Feuers flackert.

 

Themenschwerpunkt „Aufrechter Gang“ und „Gehirnevolution“

Von den Objekten, die für die Ausstellung erworben wurden, sind insbesondere die Abformungen von Australopithecus sediba, einer in Südafrika entdeckten neuen Art, zu erwähnen. Sie wird im Moment als möglicher direkter Vorfahre der Gattung Homo diskutiert. Die daraus abgeleiteten Erkenntnisse sollen im Museum erfahr- und diskutierbar gemacht werden.

 

Zu den interessantesten Neufunden der letzten Jahre zählt ohne Frage auch der Fund des Sahelanthropus, des umstrittenen, möglichen ersten „Aufrechtgängers“ aus dem Tschad, der auf 6 Millionen Jahre datiert wird, sowie der kleinwüchsige Mensch („Hobbit“, ca. 17.000 Jahre), der noch immer für Debatten in der Paläoanthropologie sorgt. Auch der Denisova-Mensch, eine bisher unbekannte, im Altai entdeckte neue Menschenform und die überraschenden Ergebnisse der paläogenetischen Untersuchungen werden in den Blickpunkt gerückt.

 

In der Ausstellung wurde besonderer Wert darauf gelegt, neben den bereits lange bekannten Funden von Vor- und Frühmenschen auch die „Typusexemplare“ und die neuesten Fossilfunde, viele davon umstritten, zu thematisieren.

 

Das „Who is Who“ schließt die auf ca. 6 Millionen Jahre datierten Funde der frühesten Aufrechtgänger und damit  ältesten Vorfahren des Menschen - Sahelanthropus tchadensis und Orrorin tugenensis - ebenso ein, wie die vor wenigen Jahren entdeckten Zeitgenossen des anatomisch modernen Menschen, den Denisovan-Menschen und den auf der Insel Flores entdeckten kleinwüchsigen Homo floresiensis. Homo floresiensis gab und gibt den Experten Rätsel auf, da er sich durch seinen extrem kleinen Körper- und Schädelbau gravierend vom anatomisch modernen Menschen unterscheidet. Er wird daher nach wie vor sehr kontrovers interpretiert (als Inselanpassung von Homo erectus, als krankhafte Veränderung oder lange überlebende, eigene Art des Menschen).

 

Mit der Installation eines „Stammbusches“ (anstatt eines geradlinigen Stammbaumes) aus Glas wird nicht nur versucht, die Nicht-Linearität der Entwicklung zum Menschen zu unterstreichen, sondern auch den vagen Charakter unserer auf fragmentarischen fossilen Zeugnissen basierenden Rekonstruktionsversuche anzudeuten.

 

Wichtige Elemente der Wissensvermittlung bilden auch die kunstvollen, sehr realistischen Weichteilrekonstruktionen von „Lucy“ oder Homo neanderthalensis, hergestellt von der französischen Künstlerin Elisabeth Daynès, und die eindrucksvoll  angefertigte Rekonstruktion eines Proconsul (ausgestorbene Primatengattung, die zu den frühesten Vertretern der Menschenartigen zählt) von Iris Rubin, einer Mitarbeiterin der Präparation des NHM.

 

Mit der Entscheidung, mehrere Textierungsebenen einzuführen, wurde versucht, den unterschiedlichen Interessen der Besucher, auch dem Bedarf nach Vertiefung der Wissensinhalte, gerecht zu werden. Die Ausstellung bietet zahlreiche Möglichkeiten, Fragen der taxonomischen Zuordnung zu diskutieren und den Menschwerdungsprozess anhand anschaulicher Beispiele und mit medientechnischer Unterstützung nach zu gehen, aber auch die ungeklärten offenen Fragen dieses komplexen Prozesses, die nur interdisziplinär zu lösen sind, anzusprechen bzw. zu erkennen.

 

Auch die Tatsache, dass die Entstehung nicht nur als historischer biologischer Prozess gedacht werden darf, sondern dass auch die kulturelle Entwicklung als bedeutende Komponente zur Wirkung kam, spielte bei der inhaltlichen Konzeptentwicklung der neuen Dauerausstellung eine große Rolle.